Mitgliederdiskussion

Gesellschaft wird älter: was bedeutet das für Wohnen und Wohnumgebung?

Bei der Alterung der Gesellschaft gibt es zwei parallel laufende Trends: Eine tendenzielle Überalterung durch weniger Kinder pro Haushalt und zugleich ein längeres Leben der einzelnen Menschen. Wenn sich das Mengenverhältnis weiterhin zu Gunsten der älteren Bevölkerung verschieben sollte, hat das m. E. keinerlei grundsätzliche Auswirkung auf das Wohnen und die Wohnumgebung, wenn man von peripheren Ansprüchen (Mehr Ruhe, mehr Sitzplätze im Freien, weniger Spielflächen für Kinder) einmal absieht. Bestimmte Altersschichten ziehen ausbildungsbedingt wie bisher in städtische Bereiche und sorgen dort laufend für einen unveränderten Altersdurchschnitt, andere Altersschichten ziehen mit der Familiengründung aus der jüngeren Stadt in entsprechende ruhigere Wohnquartiere und treffen im Bestand auf eine etwas ältere Bewohnerschaft, im Neubauquartier wie schon immer auf eine etwa gleichaltrige Schicht. Gleichzeitig werden davon unberührte Bestandsquartiere mit der Zeit etwas "grauer". Die in der Menge breiter aufgestellte ältere Bevölkerung bis etwa 75 Jahre fragt altersspezifische Angebote wie Essen auf Rädern, Pflegedienste oder Mehrgenerationenwohnen doch kaum nach? Und m. E. zukünftig noch weniger.

Relevant wird die Überalterung doch erst ab schätzungsweise 75 bis 80 Jahre. Ab dann greift der mobile Dienst für alle Fragen der Versorgung. Dieser Wirtschaftszweig wird sich ausdehnen und irgendwann auf fußläufig erreichbare Stützpunkte im Nahbereich und weniger Fahrten mit dem Kfz. umschwenken; je nach Dichte der Nachfrager und Kosten für den Transport. Hierfür benötigen wir in den Wohnquartieren optimale Standorte, beispielsweise wie auch jetzt schon zu beobachten in aufgelassenen Ladengeschäften. Die Umnutzung aufgelassener Wohnhäuser (auch Einfamilienhäuser) oder Wohnetagen mit flankierenden Nutzungen (Krankenwohnung) wird der nächste Schritt sein.
Alten(wohn)heime sind sowieso nicht mehr zeitgemäß und Altenpflegeheime wird man für einen bestimmten (geringen) Anteil der Bevölkerung über 75 Jahre einrichten. Zu erwarten ist ein Trend weg von großen und kaum bezahlbaren Einrichtungen hin zu "selbstorganisierten" kleineren Einheiten beispielsweise in aufgelassenen großen Einfamilienhäusern mit Garten; dazu gehören auch kleinere Stationen für Sterbebegleitung. Hier scheint eine Menge Potential zur internen Veränderung, allerdings nur mit geringen Auswirkungen auf das Wohnen. Hochpreisige Seniorenresidenzen kann ich mir als Massenphänomen kaum vorstellen, allerdings zunehmend mehr an landschaftlich besonders attraktiven Positionen bzw. in baukulturell bedeutsamen Gebäuden. Insofern dürfte der Einfluss des Älterwerdens trotz punktueller Veränderungen insbesondere der internen Nutzung von Wohngebäuden oder der Implementierung altersspezifischer Einrichtungen in den Bestand ziemlich begrenzt sein.
Für den Bestand von Wohnquartieren wird die Überalterung erst dann relevant, wenn ganze Bereiche zugleich (und durchaus absehbar) durch den "Wegzug" der Bevölkerung kippen und quasi neu besiedelt werden müssen. Hier ist die Gemeinde gefragt, frühzeitig den planungsrechtlichen Rahmen zu überprüfen und sich um ein geeignetes Nachnutzungsmanagement der Gebäude oder Flächen zu bemühen, um bei geeigneten Bereichen wieder Familien mit Kindern anzusiedeln.
Dr. Ronald Kunze, 3.4.2011