Mitgliederdiskussion

Aufruf zur Mitgliederdiskussion

Liebe Wohnbund Mitglieder,
der wohnbund-Vorstand hat auf seinen letzten Sitzungen aus unterschiedlichen Anlässen (wohnbund-Tagung; de facto Auslauf des Programms „Soziale Stadt“; Stuttgart 21 – d.h. Bürgerbeteiligung bei Großprojekten und Stadtentwicklung) über den Stand und die Zukunft von Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik diskutiert. Wir haben bei uns eine beträchtliche Verunsicherung festgestellt bezogen auf die Gegenstände, Prioritäten und Perspektiven, auf der anderen Seite aber Notwendigkeit und Dringlichkeit verspürt, sich in diesem offensichtlich allgemein verunsicherten Terrain weiter einzumischen.

Es geht um Themen und Fragen wie:
•    wer wohnt in städtischen Kontexten, wo und wie – jetzt und in Zukunft? (Zurückzug in die Städte; Gesellschaft wird bunter: zunehmende Segregation und/oder Mischung?; Gesellschaft wird älter: was bedeutet das für Wohnen und Wohnumgebung?; Gesellschaft wird ärmer: wie soll Wohnen bezahlbar bleiben?)
•    Wie lässt sich „Urbanität“ aktuell umschreiben? Gibt es eine Urbanität oder längst viele, verschiedene  -  und falls letzteres: gibt es eine gemeinsame Klammer?
•    Wer übernimmt aktuell und in Zukunft Verantwortung für menschenwürdiges Wohnen und die Entwicklung in den Städten? Wohnungspolitik und Stadtentwicklungspolitik im Sinne demokratisch bestimmter Gestaltung ist seit langem auf dem Rückzug (oder sehen wir das falsch?). Könnte es eine Neubelebung geben – und unter welchen Bedingungen? Sollten wir uns ganz andere Formen der Mitwirkung und der Gestaltung vorstellen? Welche?
•    Sind Themen wie „Marktentzug“, Inhalte der alten „Gemeinnützigkeit“ historisch überholt und/oder politisch eben nicht mehr herstellbar?
•    …………………

Dies waren zentrale Fragen unserer Diskussionen, aber es gibt sicherlich weitere!

Hiermit starten wir den erstmaligen Versuch einer virtuellen Mitgliederdebatte, zunächst per Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! und möchten Sie sehr herzlich einladen, sich daran zu beteiligen!

Klaus Habermann-Nieße, Wolfgang Kiehle, Siegfried Kleimeier, Sonja Menzel, Marlo Riege, Reiner Schendel, Britta Tornow (Vorstand) und Heike Skok (Geschäftsstelle)

Gern möchte ich mich an der Diskussion beteiligen und meine Standpunkte darlegen.

1. Wer wohnt in städtischen Kontexten, wo und wie - jetzt und in Zukunft?...
Aufgrund der demographischen Alterungsprozesse und der rückläufigen kommunalen Fonds durch sinkende Steuereinnahmen wird ein Rückzug in die Städte stattfinden, dort, wo noch ein insgesamt höheres Aufkommen zur Verfügung steht.
Zunehmende Segregation, aber in einer größeren Vielzahl und einer breiteren Anlage von Haushalten in einem differenziert niedrigem Einkommen bzw. Transferleistungen.
Die älter werdende Gesellschaft erfordert eine verstärkte Bereitstellung von barrierearmen bzw. barrierefreiem Wohnraum. Problem dabei ist, dass die Wohnungswirtschaft die Investitionskosten nicht allein tragen kann. Die älteren Haushalte werden häufig nicht in der Lage sein, die notwendigerweise erhöhten Mieten (Wohnungswirtschaft kann Kosten nicht allein tragen) zu zahlen. Wohnumgebung für die verschiedenen Möglichkeiten des Wohnens im Alter sollten städtisch integriert sein.
Die Bezahlbarkeit des Wohnens aus Mietersicht wird ein gesamtgesellschaftliches Problem werden. Bereits heute, eigentlich schon etwas verspätet, sollte in Politik und Gesellschaft dazu ein Diskurs initiiert werden. Auch die Vermieterseite wird in Zwänge finanzieller Art gelangen, da Mieteinnahmen durch die sinkende Zahl der Haushalte sich ebenfalls verringern, dazu kommen noch die Mietausfälle in größerem Umfang.
2. Wie lässt sich "Urbanität" aktuell umschreiben?...
Das Thema der Urbanität sehe ich unverändert - eher durch Reurbanisierungserscheinungen überdeckt. Aber nicht in allen Kommunen ist wirklich von Urbanität zu sprechen. In wenigen Fällen - Entwicklung zu Mega-Cities; in Deutschland eher weniger.
3. Wer übernimmt aktuell und in Zukunft Verantwortung für menschenwürdiges Wohnen und die Entwicklung in den Städten?...
Kann nur noch bei klarer Aufgaben- und Funktionszuweisung von verschiedenen Politik- und Gesellschaftsbereichen getragen werden. Dazu sind eindeutige konzeptionelle Vorarbeiten zu leisten. Kommunen und Wohnungswirtschaft, insbesondere kommunale Gesellschaften sind auf Dauer gesehen einfach überfordert. Deshalb muss das Problem als eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe getragen werden. Ohne diese Vorgehensweise brechen bisherige Strukturen zusammen.
4. Sind Themen wie "Marktentzug", Inhalte der alten "Gemeinnützigkeit" historisch überholt und/oder politisch eben nicht mehr herstellbar?
Gemeinnützigkeit ist in dieser Gesellschaft nicht mehr reproduzierbar. Wäre zwar wünschenswert - dazu wäre ein grundsätzlicher Wandel der Gesellschaft erforderlich, hin zu Bürgerengagement. Allerdings wird es nicht ohne diese Rückbesinnung in der Zukunft laufen, da müssen sich jedoch die Bedingungen sozialer Gegensätze noch weiter verschärfen.
Mit besten Grüßen
Ulrike Hausmann

Gutes Wohnen und Leben für Alle

diesem Thema widmen sich das wohnbund Mitglied Manuel Osório von der P99 Hausverwaltung in Hamburg und Nicole Vrenegor von der Bundeskoordination Internationalismus im Rahmen des Arbeitsschwerpunktss Stadt Raum. Ihr umfassender Debattenbeitrag zur Tagung "Öffentliche Güter für alle", die vom 8. - 9. Juli 2011 in Reutlingen stattfindet, passt gut in unsere Diskussion. Aufgrund der Länge hier als pdf-Datei.
Manuel Osòrio 29.4.2011

Wer wohnt in städtischen Kontexten, wo und wie – jetzt und in Zukunft?

Belastbare Prognosen sind bekanntlich schwierig. Sieht man jetzt an den notdürftigen Wohnverhältnissen in Japans Krisenregion. Natürlich hat das überhaupt nichts mit uns zu tun, aber ... welche wohnpolitischen Konsequenzen wird die nächste für Mitteleuropa relevante Krise haben? Eine Ansiedlung von Auswanderern/Flüchtlingen aus Nordafrika ist zum Greifen nah, muss aber nicht zwingend kommen. Menschenunwürdige Notunterkünfte an der A 2 in Hannover sind in Vorbereitung; es gibt scheinbar Wohnungs- bzw. Unterkunftsmangel. Fazit: Auch bei einem sehr entspannten Wohnungsmarkt haben wir wegen einer erforderlichen Krisenreserve generell einen latenten Mangel. Abreißen von Bestandswohnungen und Rückzug aus der Fläche ist nicht unbedingt der richtige Weg.
Es gibt einen beobachtbaren Rückzug von älteren Kleinfamilien aus zu groß gewordenen Einfamilienhäusern in gut situierte Wohnanlagen in der Stadt; ein Beispiel ist wohl das innerstädtische Neubauquartier Q´Artis. Man gibt nach Jahrzehnten sein komfortables Einfamilienreihenhaus aus den 50er Jahren in Hemmingen auf und zieht in eine ebenso komfortable, aber wesentlich kleinere Eigentumswohnung in fußläufiger Entfernung zur Kultur in der City. Wer kann sich das leisten und ist das ein Massenphänomen? Was weiß man über die Nachnutzung der verlassenen Wohnungen in der Umgebung: Werden diese innerhalb der Familie an die jetzt erwachsenen Kinder weitergegeben, günstig an andere junge Familien verkauft oder stehen die nutzlos leer? These: In die Stadt (zurück) ziehen werden nur diejenigen, die sich das überhaupt leisten können und die zugleich einen kulturellen Bezug zur Stadt haben. Wer sich eine Stadtwohnung nicht vom Einkommen (Rente) leisten kann bzw. sich vom Erlös des Einfamilienhauses nicht neu einkaufen kann oder am Stück Garten als Freizeitbeschäftigung hängt, wird am peripheren Standort bleiben. Das dürfte die Mehrheit sein? Durch den Zurückzug in die Städte wird es nicht zum massenhaften Leerstand im Einzeleigentum am Rande der Städte kommen; das kann bei zurückgelassenen Mietwohnungen – insbesondere außerhalb der Stadtbahnerschließung im rein autoaffinen Bereich – anders sein.
Durch die wechselnde Höherbewertung oder Entwertung von randständigen Einfamilienhausstandorten kann es an teuren Lagen zu einer Entmischung kommen, wenn nur noch gut betuchte Familien als Nachnutzer in Frage kommen. An durch Lärm von Autobahn und Flugzeugen entwerteten Standorten kann und wird es dazu führen, dass hier (untere) Mittelschichtsfamilien aus dem städtischen Mietwohnungsbestand nachziehen, die sich als Schicht ein eigenes Haus noch vor wenigen Jahrzehnten gar nicht leisten konnten; darunter wahrscheinlich auch Nachnutzer mit Migrationsvordergrund. Tendenz eher Mischung.
Dr. Ronald Kunze, 1.4.2011

Gesellschaft wird älter: was bedeutet das für Wohnen und Wohnumgebung?

Bei der Alterung der Gesellschaft gibt es zwei parallel laufende Trends: Eine tendenzielle Überalterung durch weniger Kinder pro Haushalt und zugleich ein längeres Leben der einzelnen Menschen. Wenn sich das Mengenverhältnis weiterhin zu Gunsten der älteren Bevölkerung verschieben sollte, hat das m. E. keinerlei grundsätzliche Auswirkung auf das Wohnen und die Wohnumgebung, wenn man von peripheren Ansprüchen (Mehr Ruhe, mehr Sitzplätze im Freien, weniger Spielflächen für Kinder) einmal absieht. Bestimmte Altersschichten ziehen ausbildungsbedingt wie bisher in städtische Bereiche und sorgen dort laufend für einen unveränderten Altersdurchschnitt, andere Altersschichten ziehen mit der Familiengründung aus der jüngeren Stadt in entsprechende ruhigere Wohnquartiere und treffen im Bestand auf eine etwas ältere Bewohnerschaft, im Neubauquartier wie schon immer auf eine etwa gleichaltrige Schicht. Gleichzeitig werden davon unberührte Bestandsquartiere mit der Zeit etwas "grauer". Die in der Menge breiter aufgestellte ältere Bevölkerung bis etwa 75 Jahre fragt altersspezifische Angebote wie Essen auf Rädern, Pflegedienste oder Mehrgenerationenwohnen doch kaum nach? Und m. E. zukünftig noch weniger.

Relevant wird die Überalterung doch erst ab schätzungsweise 75 bis 80 Jahre. Ab dann greift der mobile Dienst für alle Fragen der Versorgung. Dieser Wirtschaftszweig wird sich ausdehnen und irgendwann auf fußläufig erreichbare Stützpunkte im Nahbereich und weniger Fahrten mit dem Kfz. umschwenken; je nach Dichte der Nachfrager und Kosten für den Transport. Hierfür benötigen wir in den Wohnquartieren optimale Standorte, beispielsweise wie auch jetzt schon zu beobachten in aufgelassenen Ladengeschäften. Die Umnutzung aufgelassener Wohnhäuser (auch Einfamilienhäuser) oder Wohnetagen mit flankierenden Nutzungen (Krankenwohnung) wird der nächste Schritt sein.
Alten(wohn)heime sind sowieso nicht mehr zeitgemäß und Altenpflegeheime wird man für einen bestimmten (geringen) Anteil der Bevölkerung über 75 Jahre einrichten. Zu erwarten ist ein Trend weg von großen und kaum bezahlbaren Einrichtungen hin zu "selbstorganisierten" kleineren Einheiten beispielsweise in aufgelassenen großen Einfamilienhäusern mit Garten; dazu gehören auch kleinere Stationen für Sterbebegleitung. Hier scheint eine Menge Potential zur internen Veränderung, allerdings nur mit geringen Auswirkungen auf das Wohnen. Hochpreisige Seniorenresidenzen kann ich mir als Massenphänomen kaum vorstellen, allerdings zunehmend mehr an landschaftlich besonders attraktiven Positionen bzw. in baukulturell bedeutsamen Gebäuden. Insofern dürfte der Einfluss des Älterwerdens trotz punktueller Veränderungen insbesondere der internen Nutzung von Wohngebäuden oder der Implementierung altersspezifischer Einrichtungen in den Bestand ziemlich begrenzt sein.
Für den Bestand von Wohnquartieren wird die Überalterung erst dann relevant, wenn ganze Bereiche zugleich (und durchaus absehbar) durch den "Wegzug" der Bevölkerung kippen und quasi neu besiedelt werden müssen. Hier ist die Gemeinde gefragt, frühzeitig den planungsrechtlichen Rahmen zu überprüfen und sich um ein geeignetes Nachnutzungsmanagement der Gebäude oder Flächen zu bemühen, um bei geeigneten Bereichen wieder Familien mit Kindern anzusiedeln.
Dr. Ronald Kunze, 3.4.2011

Gesellschaft wird ärmer: Wie soll Wohnen bezahlbar bleiben?

Schwerwiegender könnte der Aspekt der tendenziellen Verarmung unterer und mittlerer Schichten werden. Soweit mittlere und auch untere Schichten bei Renteneintritt im bezahlten Eigentum leben, werden Altersbezüge im durchschnittlichen Bereich von 1000 und 2000 Euro hinreichend sein. Für diese Klientel werden neben der Einrichtung einer alterspezifischen Infrastruktur auch finanzielle Programme zum Erhalt des Eigentums ("Kommunaler Feuerwehrtopf") benötigt, um dieses nicht durch unerwartete und nicht mehr tragbare Kosten (Modernisierung, Reparatur, Erschließung) zu gefährden. Jede Änderung der teils labilen Situation wird unabhängig von der persönlichen Seite für die Gesellschaft schnell wesentlich teurer.
Richtig problematisch wird die Lebenssituation der Rentner mit niedrigem Einkommen in Mietwohnungen, da wohl nur ein geringer Teil der weiterhin steigenden Mietbelastungen durch Wohngeld aufgefangen werden kann. Ein Abdriften weiter Bevölkerungskreise in KdU (Kosten der Unterkunft) führt zu einem sozialpolitischen Sprengsatz. Hier ist die Gesellschaft gefordert, unsinnige Beschränkungen beispielsweise bei der Wohnungsgröße durch menschliche Hilfestellung zu ersetzen und unter Schonung des globalen Budgets vernünftige Lösungen zu finden. Das könnte durchaus auch eine neue Aufgabe der sich "gemeinnützig fühlenden" Unternehmen werden.
Dr. Ronald Kunze, 3.4.2011